Die meisten Kinder laufen zwischen 12 und 15 Monaten selbstständig. Die Frage „In welchem Alter läuft ein Baby?“ erfordert jedoch eine breitere Antwort: Die Weltgesundheitsorganisation ordnet das selbstständige Laufen bei gesunden Kindern zwischen 8,2 und 17,6 Monaten ein. Zwischen den Früh- und Spätläufern liegen also neun Monate, ohne dass dies auf etwas Bestimmtes hindeutet.
In welchem Alter läuft ein Baby laut WHO?
Zwischen 8,2 und 17,6 Monaten. Dieses Zeitfenster entspricht dem 1. und 99. Perzentil des freien Laufens, die in der 2006 veröffentlichten multizentrischen WHO-Studie zu motorischen Meilensteinen ermittelt wurden.
Sechs Meilensteine, sechs Zeitfenster
Die Studie begleitete gesunde Kinder in mehreren Ländern. Für jeden Meilenstein nennt sie eine Altersspanne und kein einzelnes Alter.
- Ohne Unterstützung sitzen: von 3,8 bis 9,2 Monaten.
- Auf allen vieren fortbewegen: von 5,2 bis 13,5 Monaten.
- Mit Unterstützung stehen: von 4,8 bis 11,4 Monaten.
- Mit Unterstützung laufen: von 5,9 bis 13,7 Monaten.
- Allein stehen: von 6,9 bis 16,9 Monaten.
- Allein laufen: von 8,2 bis 17,6 Monaten.
Die Zeitfenster werden mit zunehmender Komplexität der Bewegung breiter. Beim selbstständigen Stehen reichen sie über zehn Monate.
Warum ein Durchschnitt keine hilfreiche Aussage liefert
Oft wird ein Durchschnitt von etwa 13 Monaten genannt. Er ist zwar korrekt, für die Praxis aber nicht aussagekräftig. Ein Kind, das mit 16 Monaten läuft, liegt ebenso im normalen Zeitfenster wie eines, das mit 10 Monaten läuft.
Der Durchschnitt verschleiert die individuelle Variabilität. Sie ist in diesem Bereich beträchtlich und gut dokumentiert.
Der Vergleich zweier gleichaltriger Kinder hat daher keinen diagnostischen Wert. Aussagekräftig ist nur die Abweichung von den Grenzwerten.
Die Schritte vor den ersten Schritten
Das Laufen beginnt nicht plötzlich. Es bildet den Abschluss einer Abfolge, in der jeder Schritt den nächsten vorbereitet.
Zunächst zieht sich das Kind an einer stabilen Stütze hoch. Dieser Schritt wird ausführlich in unserem Artikel über das Hochziehen zum Stehen beschrieben. Danach folgt das seitliche Entlanglaufen an einem Sofa oder niedrigen Möbelstück.
Dann lässt das Kind erst eine Hand und anschließend beide Hände für einige Sekunden los. Schließlich überquert es den Raum zwischen zwei Stützen. Dieser erste Weg ohne Unterstützung ist die eigentliche Schwelle.
Ein sicherer Gang entwickelt sich erst später. Mehrere Wochen lang bleibt der Gang breitbeinig, die Arme sind nach oben gestreckt und Stürze kommen häufig vor. Dabei kalibriert sich das Gleichgewicht, wie unser Artikel über den Gleichgewichtssinn erklärt.
Was das Alter des Laufens verschiebt, ohne problematisch zu sein
Temperament und Fortbewegungsstrategie
Manche Kinder bewegen sich auf allen vieren so effizient, dass sie keinen Grund sehen, sich aufzurichten. Sie laufen oft später und holen anschließend problemlos auf. Andere überspringen das Krabbeln und gehen direkt zum Stehen über.
Auch der Umgang mit Risiken spielt eine Rolle. Ein vorsichtiges Kind wartet, bis es sich sicher fühlt, bevor es die Stütze loslässt.
Verfügbarer Platz und Zeit auf dem Boden
Ein Kind, das lange in einer Wippe, einem Sitz oder einer Babytrage gehalten wird, hat weniger Übungszeit. Es geht nicht um die Dauer einzelner Phasen, sondern um die tägliche Summe.
Ein freier und sicherer Boden macht einen Unterschied. Die häufigsten Fehler bei der Gestaltung des Umfelds werden in unserem Artikel über Fehler, die bei einer Krabbeldecke vermieden werden sollten aufgeführt.
Frühgeburt
Bei einem zu früh geborenen Kind gelten die Orientierungspunkte für das korrigierte Alter und nicht für das tatsächliche Alter. Unser Artikel über das korrigierte Alter erklärt die Berechnung ausführlich. Diese Korrektur wird üblicherweise bis zum Alter von zwei Jahren verwendet.
Wann sollte man ärztlichen Rat einholen?
Der einfachste Orientierungspunkt ergibt sich aus dem oberen WHO-Grenzwert. Ein Kind, das mit 18 Monaten korrigiertem Alter noch nicht allein läuft, sollte ärztlich beurteilt werden – nicht dringend, aber ohne noch länger zu warten.
Weitere Anzeichen sollten unabhängig vom Alter früher angesprochen werden.
- Eine deutliche Asymmetrie zwischen den beiden Körperseiten.
- Eine ungewöhnliche Steifheit oder umgekehrt eine auffällige Schlaffheit der Muskulatur.
- Eine Regression: Ein Kind verliert eine bereits erworbene Fähigkeit.
- Ein Kind, das sich mit 15 Monaten auch mit Unterstützung nie zum Stehen aufrichtet.
Eine frühe Erkennung ist wirklich hilfreich, wie unser Artikel über die frühe Erkennung von Entwicklungsstörungen vor dem dritten Lebensjahr in Erinnerung ruft. Eine Untersuchung bedeutet nicht automatisch eine Diagnose. In der Mehrzahl der Fälle kommt die Untersuchung zu dem Ergebnis, dass es sich um eine normale Variante handelt.
Wie man das Kind unterstützt, ohne es zu drängen
Der Boden an erster Stelle
Am besten ist ein freier Bereich, in dem das Kind stürzen kann, ohne sich zu verletzen. Eine feste Oberfläche überträgt die Belastung, während ein zu weicher Boden sie absorbiert und die Rückmeldung beeinträchtigt. Eine ausreichend dichte, faltbare und wendbare Krabbeldecke bietet einen guten Kompromiss zwischen Dämpfung und Festigkeit.
Auch die Anordnung spielt eine Rolle. Zwei stabile Stützen im Abstand von einigen Dutzend Zentimetern laden auf natürliche Weise dazu ein, den Zwischenraum zu überqueren.
Drinnen barfuß
Barfuß können Kinder die Beschaffenheit und Temperatur des Bodens wahrnehmen. Außerdem werden die kleinen Fußmuskeln beansprucht. Flexible Schuhe sind nur draußen zum Schutz erforderlich.
Was nicht hilft
Ein Kind an beiden Händen über dem Kopf zu halten, verändert sein Gleichgewicht, anstatt es zu trainieren. Ein Lauflerngerät wiederum trägt das Kind und verhindert die Gewichtsverlagerung. Die verfügbaren Daten erläutern wir ausführlich in unserem Artikel über das Lauflerngerät für Babys.
Schließlich gibt es nichts zu gewinnen, wenn man das Laufen beschleunigt. Früheres Laufen sagt weder eine bessere Koordination noch eine bessere spätere Entwicklung voraus. Das Konzept der freien Bewegungsentwicklung beruht vollständig auf dieser Erkenntnis.
Quellen
- Weltgesundheitsorganisation, „WHO Motor Development Study: windows of achievement for six gross motor development milestones“, 2006.
- Weltgesundheitsorganisation, Wachstumsstandards für Kinder, Meilensteine der motorischen Entwicklung.