Die Früherkennung von Störungen der neurologischen Entwicklung beruht in Frankreich auf einem einfachen Grundsatz: nicht abwarten. Die Haute Autorité de santé empfiehlt, Warnzeichen bereits im ersten Lebensjahr zu erkennen und eine Überweisung zu veranlassen, ohne eine vollständige Diagnose abzuwarten. Ein nationales Angebot, die Koordinations- und Überweisungsplattformen, ermöglicht seit 2019 eine finanzierte frühe Förderung. Hier erfahren Sie, wie dieser Weg aussieht und was Eltern selbst beobachten können.
Was versteht man unter Störungen der neurologischen Entwicklung?
Der Begriff umfasst mehrere unterschiedliche Erscheinungsbilder, die im Laufe der kindlichen Entwicklung auftreten. Dazu gehören Autismus-Spektrum-Störungen, die Aufmerksamkeitsdefizitstörung, spezifische Lernstörungen, Störungen der intellektuellen Entwicklung und Störungen der motorischen Entwicklung.
Diese Erscheinungsbilder sind häufig. Laut der im April 2026 veröffentlichten offiziellen Bilanz der nationalen Strategie betrifft die Aufmerksamkeitsdefizitstörung allein etwa 5 % der Kinder in Frankreich. Das entspricht mehr als zwei Millionen Menschen aller Altersgruppen.
Ein Punkt muss klar festgehalten werden: Früherkennung ist keine Diagnose. Ein Warnzeichen rechtfertigt eine Untersuchung, aber keine Schlussfolgerung. Bei vielen erkannten Kindern wird letztlich keine Diagnose gestellt.
Was die HAS zur Früherkennung empfiehlt
Die Haute Autorité de santé veröffentlichte im März 2020 eine eigene Empfehlung zur Erkennung und Überweisung von gefährdeten Kindern von der Geburt bis zum Alter von 7 Jahren. Sie ist weiterhin das Referenzdokument.
Zwei Stufen der Aufmerksamkeit
Die Empfehlung unterscheidet zwischen Kindern mit hohem und Kindern mit mittlerem Risiko. Diese Unterscheidung bestimmt, wer das Kind betreut und in welchem Rhythmus.
Die Faktoren für ein hohes Risiko sind genau aufgeführt. Dazu zählen extreme Frühgeburtlichkeit vor der 32. Schwangerschaftswoche, eine intrauterine Wachstumsverzögerung, eine hypoxisch-ischämische Enzephalopathie und ein perinataler Schlaganfall. Hinzu kommen bestimmte zerebrale Auffälligkeiten, familiäre Vorgeschichten schwerer Störungen sowie eine vorgeburtliche Exposition gegenüber Valproat oder Alkohol.
Zu den Faktoren für ein mittleres Risiko gehören eine mäßige oder späte Frühgeburt, eine Enzephalopathie Grad 1, eine vorgeburtliche Exposition gegenüber psychoaktiven Substanzen oder ein septischer Schock beim Neugeborenen.
Gezielte Beobachtungstermine
Für gefährdete Kinder empfiehlt die HAS standardisierte Untersuchungen zu bestimmten Zeitpunkten: mit 9 Monaten, 18 Monaten, 24 Monaten, zwischen 30 und 36 Monaten sowie zwischen 4 und 5 Jahren. Bei frühgeborenen Kindern wird bis zum Alter von 2 Jahren das korrigierte Alter verwendet.
Diese Termine sind in den bestehenden Zeitplan eingebettet. Von den zwanzig verpflichtenden medizinischen Untersuchungen im Kindes- und Jugendalter finden vierzehn zwischen der Geburt und dem 3. Lebensjahr statt. Die Beobachtung der Entwicklung nimmt dabei eine zentrale Stellung ein.
Das Früherkennungsraster
Die HAS stellt ein Instrument mit dem Titel „Eine ungewöhnliche Entwicklung bei Kindern unter 7 Jahren erkennen“ zur Verfügung. Es erfasst fünf Bereiche: Motorik, Sprache, soziale Beteiligung, Verhaltenskontrolle und Arbeitsgedächtnis.
Ein Punkt der Empfehlung verdient besondere Aufmerksamkeit: Die von den Eltern geäußerte Sorge ist unabhängig vom Alter des Kindes selbst ein Warnzeichen. Sie darf nicht heruntergespielt werden.
Welche Warnzeichen gibt es vor dem 3. Lebensjahr?
Kein einzelnes Zeichen erlaubt eine Schlussfolgerung. Erst das Fortbestehen, das Zusammentreffen mehrerer Zeichen oder der Verlust einer bereits erworbenen Fähigkeit begründen die Notwendigkeit einer ärztlichen Einschätzung.
- Motorik. Der Kopf wird nach 4 Monaten noch nicht gehalten. Mit 8 Monaten kein Umdrehen. Mit 12 Monaten keine selbstständige Fortbewegung. Deutliche und anhaltende Asymmetrie bei der Nutzung der Gliedmaßen.
- Sprache. Kein Brabbeln mit 12 Monaten. Mit 18 Monaten kein einziges Wort. Mit 24 Monaten keine Verbindung von zwei Wörtern.
- Soziale Beteiligung. Kein soziales Lächeln. Mit 18 Monaten kein Zeigen. Anhaltendes Vermeiden von Blickkontakt.
- Regression. Verlust der Sprache, des Blickkontakts oder einer bereits erworbenen motorischen Fähigkeit in jedem Alter.
Die üblichen Entwicklungsschritte werden in unseren Artikeln über die feine und grobe Motorik von 0 bis 3 Jahren sowie über die Sprachentwicklung von 0 bis 3 Jahren ausführlich beschrieben.
An wen kann man sich zuerst wenden?
Der behandelnde Arzt des Kindes ist die erste Anlaufstelle. Das kann der Hausarzt, der Kinderarzt oder der Arzt des Mutter-Kind-Schutzdienstes sein. Er führt die erste Früherkennung durch und veranlasst gegebenenfalls die Überweisung.
Für Kinder mit hohem Risiko sieht die HAS eine spezialisierte entwicklungsneurologische Untersuchung vor. Sie wird noch vor der Entlassung aus der Geburtsklinik oder der neonatologischen Station organisiert.
Wie funktionieren die Koordinations- und Überweisungsplattformen?
Die seit 2019 eingerichteten Koordinations- und Überweisungsplattformen sind die wichtigste Neuerung des französischen Angebots. Ihr Ziel ist klar: Eine Förderung soll beginnen können, noch bevor die Diagnose gestellt wurde.
Der Arzt überweist das Kind an die Plattform der zuständigen Region. Diese koordiniert einen Weg mit Untersuchungen und Interventionen bei freiberuflich tätigen Fachkräften wie Psychomotoriktherapeuten, Ergotherapeuten und Psychologen. Diese Sitzungen werden normalerweise nicht von der Krankenversicherung erstattet. Die Pauschale für frühe Interventionen übernimmt die Kosten ein Jahr lang und kann einmal verlängert werden.
Die im April 2026 veröffentlichte offizielle Bilanz zeigt die Größenordnung des Angebots. Landesweit gibt es 182 eingerichtete Plattformen, davon 73 für Kinder von 7 bis 12 Jahren. Seit ihrer Einrichtung wurden 186.193 Kinder erkannt. Davon wurden 145.033 Kinder im Alter von 0 bis 6 Jahren an eine Plattform überwiesen. Im Jahr 2025 erhielten 110.897 Kinder eine Pauschale.
Dieselbe Bilanz weist auch auf anhaltende strukturelle Schwierigkeiten hin. Die Verfügbarkeit von Fachkräften und die Wartezeiten unterscheiden sich je nach Region stark. Der Zugang ist von Département zu Département weiterhin ungleich.
Warum macht frühes Handeln einen Unterschied?
Die Begründung liegt in der Plastizität des Gehirns. In den ersten Lebensjahren passt sich das Gehirn als Reaktion auf Erfahrungen am schnellsten neu an. Dieser Gedanke bildet die Grundlage der Politik der ersten tausend Tage, die in unserem Artikel über die Entwicklung des Gehirns während der ersten tausend Tage beschrieben wird.
Dennoch sollte man die Auswirkungen realistisch einschätzen. Frühzeitige Interventionen verbessern die Entwicklungsverläufe – darin besteht ein breiter fachlicher Konsens. Sie beseitigen die Störung jedoch nicht, und der Nutzen fällt je nach Situation sehr unterschiedlich aus.
Was Eltern im Alltag tun können
Die Früherkennung ist Aufgabe der Fachkräfte. Die Beobachtung hingegen liegt zunächst bei den Eltern, die ihr Kind in allen Alltagssituationen erleben.
Drei einfache Gewohnheiten sind dabei konkret hilfreich: Beobachtungen im Laufe der Monate notieren, statt alles erst beim Arzttermin zu rekonstruieren; Fragen und Sorgen ansprechen, ohne den nächsten Termin abzuwarten; und dem Kind Zeit auf dem Boden geben, damit seine spontanen Bewegungen beobachtet werden können, ohne es dabei anzuregen.
Der letzte Punkt knüpft an den Ansatz aus unserem Artikel über die freie Bewegungsentwicklung und ihre Anwendung im Alltag an. Ein freier Boden und eine feste Unterlage machen sichtbar, was eine Babyschale verdeckt. Unsere praktischen Hinweise zur Krabbeldecke und körperlichen Entwicklung ergänzen diesen Rahmen.
Keine Ausstattung ersetzt eine ärztliche Einschätzung. Es geht lediglich darum, günstige Bedingungen für die Beobachtung zu schaffen.
Das Wichtigste im Überblick
Die Früherkennung von Störungen der neurologischen Entwicklung beruht auf drei Säulen: einem Kalender verpflichtender Untersuchungen, einem von der HAS validierten Beobachtungsraster und einem Netzwerk regionaler Plattformen. Das Angebot wird weiter ausgebaut; seit 2019 wurden mehr als 186.000 Kinder erkannt.
Zwei Botschaften stehen im Mittelpunkt: Eine elterliche Sorge sollte ausgesprochen und nicht aufgeschoben werden. Und ein erkanntes Warnzeichen ist noch keine gestellte Diagnose.
Bei Fragen zu unseren Produkten, ihren Materialien und ihren Zertifizierungen bietet die Treelys®-FAQ ausführliche Antworten.
Quellen
- Haute Autorité de santé, „Störungen der neurologischen Entwicklung: Früherkennung und Überweisung gefährdeter Kinder“, Empfehlung für die gute Praxis, veröffentlicht am 17. März 2020.
- Haute Autorité de santé, Instrument „Eine ungewöhnliche Entwicklung bei Kindern unter 7 Jahren erkennen“, 2020.
- Interministerielle Delegation für die nationale Strategie zu Störungen der neurologischen Entwicklung, „Bilanz 2025–2026 der nationalen Strategie 2023–2027“, veröffentlicht im April 2026.
- Assurance Maladie, „Die 20 medizinischen Kontrolluntersuchungen für Kinder und Jugendliche“, abgerufen im August 2026.