Die Windpocken-Impfung für Babys wird in Frankreich derzeit nicht routinemäßig empfohlen. Das könnte sich ändern: Am 7. Oktober 2026 hat die Haute Autorité de santé (HAS, die französische Gesundheitsbehörde) das Konzeptpapier zu ihrer Neubewertung einer allgemeinen Impfung von Säuglingen ab 12 Monaten veröffentlicht. Ihre endgültige Empfehlung wird für September 2027 erwartet.
Bis dahin gelten die aktuellen Regeln. Hier erfahren Sie, was dieses offizielle Dokument enthält, was sich seit den Stellungnahmen von 2004 und 2007 geändert hat und was das für Eltern bedeutet.
Windpocken-Impfung für Babys: Was die HAS angekündigt hat
Die HAS hat sich aus eigener Initiative mit dem Thema befasst und es in ihr Arbeitsprogramm für 2025 aufgenommen. Das Konzeptpapier vom 7. Oktober 2026 legt den Rahmen der Bewertung fest. Eine Empfehlung enthält es noch nicht.
Die Frage lautet: Soll Frankreich eine allgemeine Windpocken-Impfung für Säuglinge ab 12 Monaten einführen? Die Bewertung umfasst auch eine mögliche Nachholimpfung für Kinder von 2 bis 12 Jahren, die noch keine Windpocken hatten.
Sie stützt sich auf sieben Kriterien:
- die Krankheitslast in Frankreich;
- Nutzen und Risiken der Impfstoffe;
- die Werte und Präferenzen der Bevölkerung;
- die Kosten und die Kosteneffizienz der Strategie;
- ethische Fragen und Fragen der Chancengleichheit;
- die Umsetzbarkeit, einschließlich der Auswirkungen auf den Impfkalender;
- die Akzeptanz bei den Beteiligten.
Adressaten sind die Behörden, insbesondere das Gesundheitsministerium, das über den Impfkalender entscheidet.
Warum Frankreich Säuglinge bisher nicht impfte
Die Frage ist nicht neu. Am 19. März 2004 sprach sich der Conseil supérieur d'hygiène publique (ein früheres französisches Beratungsgremium für öffentliche Gesundheit) gegen eine allgemeine Impfung von Säuglingen aus. 2007 bestätigte der Haut Conseil de la santé publique (Hoher Rat für öffentliche Gesundheit) diese Position.
Eine mathematische Modellierung ließ damals zwei indirekte Effekte befürchten, an die die HAS erinnert:
- eine Verschiebung der Krankheit ins Erwachsenenalter, in dem sie schwerer verläuft, falls die Durchimpfungsrate unzureichend bliebe, also bei 80 % oder weniger;
- ein vorübergehender Anstieg der Gürtelrose über mehrere Jahrzehnte, weil natürliche Kontakte mit dem Virus fehlen, die die Immunität aufrechterhalten.
Laut HAS decken Real-World-Daten inzwischen lange Zeiträume in den Ländern ab, die Säuglinge impfen. Sie stellen einige Schlussfolgerungen dieser Modellierungen infrage und rechtfertigen die Neubewertung.
Wer wird heute gegen Windpocken geimpft?
Laut dem Impfkalender 2025, den die HAS zitiert, wird die Impfung nur für bestimmte Gruppen empfohlen:
- Jugendliche von 12 bis 18 Jahren ohne klinische Windpocken-Vorgeschichte oder mit unklarer Vorgeschichte;
- Frauen im gebärfähigen Alter ohne Vorgeschichte, insbesondere bei Kinderwunsch;
- Frauen ohne Vorgeschichte nach einer ersten Schwangerschaft;
- Personen ohne Vorgeschichte und mit negativem Antikörpertest, die engen Kontakt zu immungeschwächten Menschen haben;
- Personen, die auf die Transplantation eines soliden Organs warten, unter bestimmten Bedingungen.
Säuglinge stehen nicht auf dieser Liste. Welche Impfungen vor dem 3. Lebensjahr Pflicht sind und welche empfohlen werden, lesen Sie in unserem Artikel über den Impfkalender Ihres Babys.
Welche Impfstoffe gibt es für Kinder?
In Frankreich sind zwei monovalente Impfstoffe erhältlich: Varilrix und Varivax. Sie erhielten ihre Marktzulassung am 26. Dezember 2003. Sie sind ab 12 Monaten angezeigt, bei einem Ausbruch sogar ab 9 Monaten.
Es handelt sich um abgeschwächte Lebendimpfstoffe. Sie sind in der Schwangerschaft und bei schwerer Immunschwäche kontraindiziert. Das Impfschema umfasst zwei Dosen ohne Auffrischung:
- im Abstand von vier bis acht Wochen bei Varivax;
- im Abstand von sechs bis zehn Wochen bei Varilrix.
Außerdem gibt es zwei Kombinationsimpfstoffe mit Masern, Mumps und Röteln: Priorix-Tetra und ProQuad. Sie sind zugelassen, werden laut HAS in Frankreich derzeit aber nicht vertrieben.
Windpocken in Frankreich: die Zahlen der HAS
Das Konzeptpapier stützt sich auf Daten des Sentinelles-Netzwerks der Allgemeinmedizin:
- jedes Jahr treten in Frankreich fast 600.000 Fälle auf;
- für 2024 wurden 449.033 Fälle geschätzt;
- 2025 wird die Inzidenz auf 348 Fälle pro 100.000 Einwohner geschätzt;
- das mittlere Alter (Median) der Erkrankten liegt bei 4 Jahren;
- 90 % der Bevölkerung haben sich vor dem 9. Lebensjahr angesteckt.
Die Inzidenz ist seit der Covid-19-Pandemie rückläufig. Gleichzeitig stellt die HAS seit 2020 steigende Verkaufszahlen von Windpocken-Impfstoffen fest, vor allem bei den 0- bis 12-Jährigen. Diese vorläufige Analyse auf Basis unveröffentlichter Daten deutet darauf hin, dass die Impfung von Kindern auch ohne allgemeine Empfehlung bereits zunimmt.
In 98 % der Fälle verläuft die Infektion ohne Komplikationen. Im Zeitraum 2010–2025 machten Komplikationen 1,9 % der gemeldeten Fälle bei Kindern unter 5 Jahren aus. Am häufigsten sind Hautinfektionen durch Kratzen. Schwere Verläufe betreffen vor allem Erwachsene, Neugeborene und immungeschwächte Menschen.
Was machen andere Länder?
Nach einer ersten Recherche der HAS gibt es in 13 Ländern der Europäischen Union ein Impfprogramm gegen Windpocken:
- Deutschland, Österreich, Zypern, Spanien, Finnland, Griechenland und Ungarn;
- Island, Italien, Liechtenstein, Lettland, Luxemburg und Slowenien.
Das gilt auch für das Vereinigte Königreich, die Schweiz, die USA und Australien. In drei Ländern ist die Impfung Pflicht. Die USA führten sie bereits 1995 ein und ergänzten 2007 eine zweite Dosis.
Wann fällt die Entscheidung?
Der vorläufige Zeitplan wurde überarbeitet, um eine Modellierungsarbeit einzubeziehen. Die von der HAS angekündigten Schritte sind:
- erste Prüfung durch die technische Impfkommission: 15. Juni 2027;
- einmonatige öffentliche Konsultation: Juli 2027;
- zweite Prüfung durch die Kommission: 14. September 2027;
- Prüfung durch das Kollegium (Collège) der HAS: September 2027.
Eine Arbeitsgruppe wird niedergelassene Kinderärztinnen und Kinderärzte sowie solche der PMI (französischer Mutter-Kind-Gesundheitsdienst), Allgemeinmediziner, Epidemiologen, Krankenhausärzte und Patientenvertreter zusammenbringen.
Was tun, wenn Ihr Baby bis dahin Windpocken bekommt?
Die Assurance Maladie (die französische gesetzliche Krankenversicherung) beschreibt das Vorgehen auf ihrer am 25. März 2026 aktualisierten Seite:
- gegen Fieber geben Sie Paracetamol, sofern keine Gegenanzeige besteht, in einer an das Gewicht angepassten Dosis. Unser Artikel über die Paracetamol-Dosis nach Gewicht erklärt die Berechnung;
- kein Ibuprofen und kein Ketoprofen: Nichtsteroidale Antirheumatika sind bei Windpocken kontraindiziert. Auch kein Aspirin;
- die Haut: zweimal täglich mit einem milden Produkt duschen, ohne Reiben trocken tupfen, kein Puder und keine nicht verschriebene Creme;
- die Nägel kurz halten, um Kratzen und Narben zu begrenzen. Unser Artikel über das Nägelschneiden beim Baby zeigt, wie es geht.
Holen Sie noch am selben Tag ärztlichen Rat ein, wenn Ihr Kind jünger als 6 Monate ist oder eine chronische Hauterkrankung oder Immunschwäche hat. Rufen Sie die 15 oder die 112 an, wenn sich das Verhalten verändert oder hohes Fieber, Gleichgewichtsstörungen oder Verwirrtheit auftreten. Unser Artikel über Fieber beim Säugling nennt die weiteren Warnzeichen.
Informieren Sie die Krippe oder die Tagesmutter. Die Assurance Maladie rät, das Kind zu Hause zu lassen, bis die Bläschen verkrustet sind. Tipps zur Organisation finden Sie in unserem Artikel über ein krankes Baby in der Krippe.
Wenn Sie Fragen zur Impfung Ihres Kindes haben, sprechen Sie beim nächsten Vorsorgetermin mit Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder der PMI darüber.
Quellen
- Haute Autorité de santé, „Recommandation vaccinale contre la varicelle chez les nourrissons de 12 mois et plus – Note de cadrage“, Dokument vom 7. Oktober 2026, online veröffentlicht am 7. Oktober 2026.
- Assurance Maladie (ameli.fr), „Varicelle : que faire et quand consulter ?“, Seite aktualisiert am 25. März 2026.